Ausstellung

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HEX

24.2. — 14.7.2024

eine steinerne blaue Figur mit einem bunten Umhang sitzt auf einem Würfel

Emily Hunt, Alice Kyteler, 2021, 14 × 12 × 29 cm, Glasiertes Steinzeug mit Goldglanz

eine stilisierte Illustration eines Hirschhornkäfers umringt von distel-ähnlichen Gebilden

Tatjana Stürmer, Produktionsbild (Risografie), 2024

eine Radierung mit drei Personen umgeben von vier skalpell-artigen Werkzeugen

Emily Hunt, Attitude is everything. Specific Existence, 2022, 50 × 66 cm, Radierung

ein Gemälde mit einer lila-farbenen Teufelsgestalt, die einer im Himmelbett liegenden Person ein Glas mit einer roten Flüssigkeit reicht

Marleen Rothaus, The Cure, 2021, 200 × 380 cm, Öl auf Leinwand, Foto: David Cabana Echaniz

Die Geschichte der Hexen war eine gewalttätige und bildgewaltige. Zwischen sexualisierter Femme fatale und der hässlichen Alten waren die Zuschreibungen männlich dominierter Gesellschaften eindeutig, wertend und verachtend. Die Gründe für die Hexenverfolgung mit ihrem Höhepunkt im 16. Jahrhundert waren vielfältig. Der europäische Kontinent erholte sich noch von der Pest und hatte bereits mit den Folgen der kleinen Eiszeit zu kämpfen. Diese krisenhaften Zeiten bereiteten den Boden für Verschwörungsideologien und die Suche nach Schuldigen. Den als Hexen Beschuldigten wurde die Nähe zum Teufel nachgesagt, sie wurden für allgemeine Missstände und persönliche Schicksalsschläge verantwortlich gemacht. Es waren insbesondere weltliche Gerichte, die den Denunziationen nachgingen, durch Folter Geständnisse erwirkten, die Urteile aussprachen und durchführen ließen. Die Hexenverfolgung war vor allem auch eine mediale Kampagne und ohne die einschlägigen Publikationen und die im Druckverfahren massenhaft in Umlauf gebrachten Flugblätter in diesem Ausmaß kaum vorstellbar gewesen.

Mit den feministischen Theorien des 20. und 21. Jahrhunderts, etwa Silvia Federicis Caliban and the Witch aus dem Jahr 2004, vollzog sich ein Perspektivwechsel in der Beurteilung der Hexenverfolgung. Ursprünglich vorgebrachte Gründe wie Ketzerei oder die Zuschreibung übernatürlicher Kräfte wurden als expliziter Kampf gegen den weiblichen Körper und die soziale Macht von Frauen neu interpretiert. In demselben Maß machte sich die Frauenbewegung der späten 1960er Jahre, u.a. die in New York gegründete Gruppe Women’s International Terrorist Conspiracy from Hell, kurz WITCH, die Hexe mit positiven Besetzungen zu eigen. So führte die Rückbesinnung auf die Hexe als autonome Frau mit Wissen und Macht im letzten Jahrhundert immer stärker zu einer Entstigmatisierung. Auch in der Popkultur hielt die Hexe Einzug und sie ist mit ihrem Identifikationspotenzial seit einiger Zeit auf Social-Media-Plattformen als Trend auszumachen.

Das Bild der Hexe in der Kunst wandelte sich von stereotypen, abwertenden Darstellungen über die vorgeführte Ambivalenz der Figur hin zu rein positiv besetzen Darstellungen. Dennoch sind die Diffamierung als hässliche Alte, die Sexualisierung des weiblichen Körpers und der Angriff auf die soziale Macht von Frauen nicht nur aufgrund medialer Hasskampagnen Themen unserer Zeit. Auch Memmingen war in den späten 1980er Jahren Ort eines Prozesses, bei dem der Verdacht auf illegalen Schwangerschaftsabbruch verhandelt wurde, der als „Moderner Hexenprozess“ nationale Bekanntheit erlangte.

Die Ausstellung ‚HEX‘ präsentiert drei zeitgenössische Künstlerinnen, die sich in ihrer Kunst mit dem Thema der Hexen in seiner Relevanz für die Gegenwart, insbesondere aus einer feministischen Perspektive heraus, befassen.

Emily Hunt (AUS) kommt in ihrer künstlerischen Herangehensweise und Formensprache dem Bild des mystischen und geheimnisumwobenen Praktizierens von Hexerei am nächsten. Magische Symbole und Elemente fließen wie in einem alchemistischen Ritual in ihre detailreichen und bunten Steinzeugfiguren und -objekte ein. In ihren Radierungen bezieht sie sich auf frühneuzeitliche Hexendarstellungen und verweist durch die Drucktechnik auf die mediale Propaganda dieser Zeit. Für die Ausstellung realisiert die Künstlerin vor Ort eine erweiterte Wandzeichnung.

Marleen Rothaus (DE) ist sowohl künstlerisch als auch aktivistisch tätig. Beide Bereiche sind für sie nicht strikt getrennt und so kommen ihre Malereien – zumeist in Form von Bannern umgesetzt – auf Stangen montiert auch bei Demonstrationen zum Einsatz. Die Motivik kreist um Themen von weiblich konnotierter, unbezahlter und unsichtbarer Sorgearbeit, um sexuelle und reproduktive Selbstbestimmung sowie um die Figur der Hexe als die autonome Frau. Es ist einerseits ein Aufzeigen und Sichtbarmachen, andererseits auch ein Aufruf tätig zu werden. Die den Hexen zugeschriebene Widerspenstigkeit verwandelt Rothaus in ihrer künstlerischen und aktivistischen Praxis zum politischen Potenzial der Widerständigkeit.

Tatjana Stürmer (DE) arbeitet häufig aus dem Archiv heraus. Ein zentrales Thema ist die Wissensökonomie und die Fragen, wer Macht über das geschaffene Wissen besitzt und darüber Macht ausübt. In ihrer Arbeitsweise, gerade auch Stimmen von Frauen hörbar oder lesbar werden zu lassen, steht sie in der Tradition der Écriture féminine. Für die Ausstellung realisiert sie eine Auftragsarbeit in künstlerischer Zusammenarbeit mit dem Künstler und Musiker Manuel Sékou (DE) und der Sängerin Clare Tunney (GBR). Die multimediale Installation lädt die Besuchenden ein, das Thema anhand der für Stürmer typischen Zusammenführung von Fragmenten und Zitaten auf mehreren Sinnesebenen zu erleben.

symmetrische Tapetenmuster aus floralen Elementen und Symbolen in pink und lila

Tatjana Stürmer, Produktionsbild (Tapete), 2024